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Wandertipp 2009
Landschaft im Wandel
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(aus einem meiner Buchprojekte, das den Arbeitstitel "Die Eifel - eine Landschaft im Wandel" trägt)

Über zwei Jahrhunderte Not und Elend

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gilt die Eifelregion als ärmliches Randgebiet des Deutschen Reiches, das man verächtlich "preußisch Sibirien" tituliert. Für die preußische Regierung im fernen Berlin ist das Land zwischen Rhein, Mosel und Maas lediglich aus militärischen Gründen von Interesse, denn es dient seit jeher als Durchmarschgebiet französischer, spanischer und anderer europäischer Truppen zu allen möglichen Kriegsschauplätzen Europas.

Wir müssen uns weite Teile der Eifel um 1850 als karge, baumlose Heidelandschaft vorstellen, auf der lediglich Schafe und Ziegen ausreichend Nahrung finden. Eine Ursache für den jahrhunderte andauernden Raubbau an den einst ausgedehnten Eichen- und Buchenwäldern sind die zahlreichen Eisenhütten im Lande. Die hungrigen Hochöfen verlangen ständig nach Nahrung in Form von Holzkohle. Der Raubbau in den Wäldern fordert seinen Tribut. Die Bevölkerung verarmt zusehends, da die kargen Ackerböden keine ausreichenden Ernten zulassen. Wie groß die Not auf dem Lande ist, vermerkt 1785 ein erzbischöflicher Fragebogen zur Situation des Dörfchens Kottenheim bei Mayen:„Schier alles arme Leute. 1400 Reichstaler Schulden, kein Land, kaum das nötige Brandholz...“

Um die Tragweite dieser Zeilen zu verstehen, werfen wir zunächst einen Blick auf die Anomalien des Wetters von damals.

Klimaanomalien im 18. und 19. Jahrhundert

Kalttrockene, von Hochdruckgebieten über der Nordsee dominierte Winter- und Frühjahrsperioden sind kennzeichnend für das Klima Mitteleuropas im 18. Jahrhundert. Im Winter bedeutet dies extreme arktische Kälte, begleitet von eisigen Winden. Die Sommer indes sind oft extrem heiß. Als Ursache vermuten Wissenschaftler eine starke Zunahme der Sonnenaktivität zu Beginn des Jahrhunderts. Diese sorgt in den Jahren 1718, 1719 und 1724 für heiße und extrem trockene Sommerperioden. Wie die Quellen berichten, lässt die Dürre zu jener Zeit überall in Europa Flüsse und Brunnen austrocknen. Der „kleine Wärmegipfel“, wie man diese Klimaanomalie bezeichnet, währt allerdings nur bis 1735.

Das Winterhalbjahr 1739/40 zählt zu den kältesten in den letzten 500 Jahren. Der jäh einsetzende Kälteeinbruch im Oktober 1739 bewirkt, dass z.B. in Halle (Saale) die hart gefrorenen Felder nicht mehr gepflügt werden können. Das knappe Angebot an notwendigem Heizmaterial, damals Holz oder Holzkohle, sorgt gleichzeitig für schnell ansteigende Preise. Die Vergabe von Brandholz war in manchen Gemeinden so knapp, dass sich im Jahre 1718 die Einwohner von Aremberg (Kreis Ahrweiler)beschweren: Im Winter müssten sich drei oder vier Familien in einem einzigen Raum aufhalten, um sich gegenseitig zu wärmen...
Die Folgen der Kälte sind für die überwiegend verarmte Bevölkerung unserer Region katastrophal. Zahllose Menschen sterben in jenen bitterkalten Nächten.

Ein altes Basaltkreuz am Rassberg bei Arft ist ein stiller Zeuge vom Kältetod einer Mutter und ihrem Kind im eiskalten Winter 1718 > mehr

Aber nicht nur die Winter sind grausam. Zwischen 1752 und 1778 gibt es gleich sechs Sommer, in denen lang anhaltende Regen und Hagelschauer große Teile der Ernte vernichten. Das hat eine inflationäre Teuerung der Lebensmittel zur Folge. "Es ist kaum das Samengetreide aufzubringen" vermerkt 1778 ein Chronist.

Zu den globalen Ursachen der Wetterkatastrophengehören im Laufe der Geschichte immer wieder Vulkanausbrüche. Eine Serie von heftigen Eruptionen in Island im Jahr 1783 haben demnach zu einem der kältesten Winter Europas und zu einer extremen Dürre in Ägypten geführt. Darüber berichtet 2006 ausführlich das anerkannte Wissenschaftsmagazin "NewScientist".

Bitterkalt ist auch der Winter 1788/89, im Vorfeld der Französischen Revolution. Und mit Beginn des 19. Jahrhunderts sollte es noch schlimmer kommen. Am 11. April 1815 explodiert der Vulkan Tambora östlich von Java: Mehr als 150 Kubikkilometer Asche werden in die Atmosphäre hochgeschleudert. Sie verdunkeln die Sonne bis nach Indien. Zehntausende von Menschen kommen unmittelbar zu Tode. Ein Teil der Aschenwolke wird von Höhenwinden in der Stratosphäre verteilt. In den folgenden zwei Jahren reflektiert dieser Ascheschleier einen Teil des Sonnenlichts. In Europa dringt arktische Kaltluft von Island bis zu den Alpen vor, stürzt als eisiger Fallwind durchs Rhônetal hinunter und breitet sich bis nach Tunesien aus.

Die Folgen des Vulkanausbruchs sind für Mitteleuropa und insbesondere für die Eifelregion verheerend.

"Das Jahr ohne Sommer"

1816 - Ein großer Teil des Jahresniederschlags geht genau in der kritischen Periode von Mai bis September nieder. Als Folge verschimmelt die Heuernte und das Getreide wächst aus. Die Winzer an Rhein, Mosel und Ahr können Anfang November nur halbreifeTrauben lesen.
Der Pflanzenwuchs wird so behindert, dass fast keine Getreideart gedeiht. Die wenigen Feldfrüchte, die doch noch anwachsen, kommen nicht zur Reife. So stehen die meisten auch bis in den Winter und sogar bis zum Frühjahr 1817 im Feld.

1816 ist auch bekannt als  "das Jahr, als das Vieh das Dachstroh fraß“, wie aus Monschau berichtet wird. Die große Hungersnot führt dazu, dass man überall in der Eifel anfängt, Kartoffeln anzubauen. Die „Erdäpfel“ („Krumbirnen“) avancieren schnell zum Hauptnahrungsmittel der Eifler Landbevölkerung.

Der Winter 1816/1817 erscheint den Bauern der Eifel endlos. Selbst zu Ostern liegt noch hoher Schnee und ein eisiger Wind pfeift aus Nordwest. Das schlechte Wetter in der Eifel hält bis zum 15. Juni 1817 an. Während der allgemeinen Hungersnot im Eifelland versucht man Brot mit 1 Teil Roggen oder Hafer und 2 Teilen Kartoffel zu backen. Statt Gemüse gibt es Wiesenkräuter. Es wir berichtet, dass Mützenicher Bürger sogar Fleisch vonverendeten Tieren aßen. 

Auch wenn sich 1818 in einigen Teilen der Eifel das Klima normalisiert, herrscht weiterhin Not und Elend in der Bevölkerung.

In seiner Amtsbeschreibung von 1819 erinnert der damalige Kelberger Bürgermeister Metten an die katastrophalen Zustände in der Hocheifel: „Ich mag mich dieser Epoche nur mit Grausen erinnern. Ich habe Leute gesehen, die Gräser in den Wiesen gesammelt und gegessen haben. Die erkälteten Grundbirnen (erfrorene Kartoffeln) wurden als Leckerbissen benutzt."

Arbeitslosigkeit und Hunger

Nach einer kurzen „Rückkehr zur Normalität“ soll es für die Bevölkerung noch einmal „knüppelhart“ kommen. Ursache ist eine Krise in der Eifler Eisenindustrie, die infolge von billigem Eisen aus Belgien und England, das ab 1839 den Markt überschwemmt, kaum noch etwas absetzen kann. Die Unternehmen wandern ab zur Steinkohle an Ruhr, Saar und Wurm.

Tausende Hüttenarbeiter, Köhler, Holzhauer und Fuhrleute haben kaum eine Möglichkeit, in der heimatlichen Eifel selbst irgendeine andere Lohnarbeit zu finden. Damit ihre Familien überleben können, sind viele Männer gezwungen, sich weit entfernt von daheim als Industriearbeiter zu verdingen. In manchen Eifeldörfern leben überwiegend nur noch Frauen, Kinder und diejenigen, die der schweren körperlichen Arbeit nicht mehr gewachsen sind. In Ermangelung an Zugvieh werden Frauen und Kinder vor den Pflug gespannt, um die steinigen Äcker zu bearbeiten (vgl.: Clara Viebig: Das Weiberdorf, 1900). 



Fatalerweise kommt es in den Jahren 1843, 1845 und 1850 infolge von klimatischen Einflüssen daheim im Eifelland erneut zu Missernten, die erneut zu Hungerkatastrophen führen. Viele Menschen sind gezwungen, das wertvolle Saatgut zu verzehren, um am Leben zu bleiben. Kleine Bauern, Handwerker und Tagelöhner verarmen immer mehr und sehen schließlich ihre einzige Rettung in der Abwanderung.

Auswanderung ins Ungewisse

Die erste große Auswanderungswelle erfasst ab1841/42 die gesamte Eifelregion und führt dazu, dass zahlreiche Dörfer für immer aufgegeben werden. Tausende verlassen seit den 30er Jahren des 19. Jh. ihre Eifler Heimat, um über Antwerpen oder Rotterdam per Schiff nach Nordamerika, Südamerika oder Afrika auszuwandern.

An viele ehemalige Dörfer erinnert heute nur noch die Bezeichnung "Wüstung" auf der Landkarte. Eines von ihnen war der Ort Allscheid bei Steiningen im Kreis Daun. Eine Gedenktafel neben der alten Dorfkapelle - das einzige übrig gebliebene Gebäude - erinnert an die Bewohner und ihre Geschichte.

Die Reise im Zwischendeck in die Neue Welt hatte nichts mit Traumschiffromantik gemeinsam


Ein prominenter Zeitgenosse berichtet aus der Eifel

Ein detailliertes Stimmungsbild - aus seiner bürgerlichen Sicht - zeichnet der bekannte Bonner Romantiker, Theologe und Kunsthistoriker Gottfried Kinkel (1815– 1882) in seinem Werk „Die Ahr – Eine romantische Wanderung vom Rheintal in die Hohe Eifel“ (1846).

Auf seiner Reise gelangt er in den kleinen Ort Kaltenborn am Fuß der Hohen Acht. Seine Beschreibung der dort vorgefundenen Lebensumstände sind exemplarisch für die Lebensumstände der Eifler vor 150 Jahren:

„Kaltenborn liegt schon sehr hoch und kalt, 1474 Fuß über dem Meere, die Fruchtbäume werden klein und unansehnlich, und die umgebenden Höhen sind tot und kahl. Die Einwohner nähren sich kümmerlich von mühseligem Ackerbau: Man findet zwei ganz ausgezeichnet schlechte Schenken und in keiner einerträgliches Mittagsbrot. Wer mag sich wundern, wenn der Mensch, acht Monate gegen Frost, das ganze Jahr gegen Not und Hunger kämpfend, hier nicht mit starken Banden an seine Heimat sich geknüpft fühlt, wenn er, wie in Kaltenborn fast alle, an Auswanderung in gesegnetere Kornländer denkt?“

Vom bürgerlichen Dasein der Universitätsstadt Bonn verwöhnt, begegnet Kinkel in Kaltenborn erstmals der rauen Überlebenskultur auf dem Land. Mit der heute allerorts gepriesenen „Regionalen Küche“ hat die reale Zubereitung der Speisen Mitte des 19. Jahrhunderts kaum etwas gemeinsam: Morgens Roggenbrot und Muckefuck (abgeleitet vom franz. mocca faux), ein Kaffeeersatzgetränk auf Basis einer Mischung bestehend aus gerösteten Gersten-oder Roggenkörnern, Eicheln, Bucheckern und/oder Zichorienwurzeln. Kartoffeln gibt es mittags und abends, ersatzweise oder auch mit Rüben oder Kohlrabi. Speck und Fleisch bilden eher die Ausnahme auf dem täglichen Speisezettel des Eiflers.

Wenig Romantik vermittelt auch der Bericht Kinkels über seine Wanderung zur Ruine Nürburg. Das gleichnamige Dorf und seine Bewohner beschreibt er mit erschreckender Realität. Ihre Armut macht ihn spürbar betroffen. Offensichtlich leiden die Menschen unter ernährungsbedingten Mangelerscheinungen und den Folgen von Nässe und Kälte:

“An den Felskegel der Nürburg lehnt sich, erst ganz in der Nähe sichtbar, das elende Dörfchen gleichen Namens, das höchstgelegene Dorf der Eifel (2000 Fuß),das sich in dieser Höhe nur noch von Viehzucht ernähren kann. Das Volk istklein, verkrüppelt und von der scharfen Luft großenteils brustleidend. Nur die Nähe des bedeutenden Herrensitzes konnte den Bauern bewegen, sich in dieser Öde niederzulassen. Jetzt, wo die Nürburg nur noch vom Raubvogel bewohnt wird, sinkt das Dorf fast wieder in den Schoß der vernichtenden Natur zurück, und vonder Burg herab erkennt man in den geschwärzten Strohdächern und verfallenenLehmwänden kaum noch die gestaltende Menschenhand.“ 

Metten ergänzt Kinkels Schilderung. Diese ganze Gegend ist die schlechteste der Bürgermeisterei und gleicht dem schlechtesten Teile von Sibirien". In den zu Nürburg gehörendenDörfern Welcherath,Brück (heute Brücktal), Kirsbach, Reimerath und Bruchhausenherrsche eine unbeschreibliche Armut.

Trostlose Heidelandschaften

Den Anblick der baumlosen Höhenzüge der Hocheifel empfindet der bürgerliche Professor als eher wenig romantisch. Nur was die mageren Schafherdenverschmähten, ziere ihren Anblick...

Große Flächen sind damals vermutlich von den Brandspuren der Schiffelwirtschaft geprägt. Wo im letzten Sommer noch die rosa Blüten der Callunaheide das Auge erfreute, wurde diese bisweilen großflächig als Einstreu abgeerntet. Möglicherweise haben die halbverhungerter Bauern sie auchals Brennmaterial abgeplaggt, um nicht in ihren zugigen Hütten zu erfrieren. Essind die verzweifelten Versuche der Eifler, dem Boden das Letzte abzutrotzen.Und darunter liegt nichts außer nacktem Fels.

Liebreizend im Sinne Löns’scherHeideromantik war das Eifelland vor 150 Jahren wirklich nicht.




Von Kinkel erfahren wirfolgerichtig:

“Schön ist die Aussicht nicht, weil die Nähe nichts Liebliches,sondern nur schaurig ödes Heideland bietet.
Aber die Fernsicht ist beinahe fabelhaft....“



Quellen:

Rüdiger Glaser - Klimageschichte Mitteleuropas
1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen
Primus Verlag, Darmstadt 2001

Gottfried Kinkel - Die Ahr
Eine romantische Wanderung vom Rheintal in die Hohe Eifel
2.Auflage, Bachem Verlag, Köln 1999

Werner Schönhofen
Amt Kelberg - Anno 1810
Heimatjahrbuch des Kreises Daun 1974

> den vollständigen Beitrag von Werner Schönhofen finden Sie hier

Dr. Peter Blum
Beiträge aus verschiedenen Ausgaben der Heimatjahrbücher des Kreises Ahrweiler

Dr. Heinz Renn
Die Eifel - Wanderung durch 2000 Jahre Geschichte, Wirtschaftund Kultur
3. Auflage, Eifel-Verein, Düren 2000



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